Objekt Riese - zur Historie

>> An einem sonnigen Sommertag des Jahres 1943 kamen einige Militärfahrzeuge und Limousinen mit wehenden Wimpeln in das am Fuß des Eulengebirges gelegenen Wüstewaltersdorf. Sie hielten hinter der Ortschaft an einem dicht bewaldeten Gebirgsmassiv. Den Wagen entstiegen mehrere deutsche hochrangige Offiziere in Uniformen der Wehrmacht, der Luftwaffe und der SS sowie einige geheimnisvolle Gestalten in dunklen, sehr gut sitzenden Maßanzügen. Über Landkarten gebeugt, die sie auf den Kühlerhauben der Fahrzeuge ausgebreitet hatten, diskutierten sie stundenlang. Gleichzeitig wurden Zeichnungen und Notizen gemacht. Vor Einbruch der Dämmerung fuhren alle wieder ab.

Nach etwa zwei Wochen erschienen Arbeiter deutscher Unternehmen, die von der Schlesischen Industriegemeinschaft A.G. aus Breslau Aufträge erhalten hatten. So begann im Eulengebirge die Tätigkeit der OBERBAULEITUNG RIESE, deren Bauunterfangen eines der größten während des Zweiten Weltkriegs war. Mit den Arbeiten wurde von einem Tag zum anderen begonnen. Zufahrtsstraßen wurden gebaut, die alten Waldwege repariert. Für eine Kleinbahn wurden Schienen gelegt. Gleichzeitig entstanden Baustellen für die Errichtung von Baracken für die deutsche Bauleitung, die Soldaten sowie für die Kriegsgefangenen, russische Soldaten und danach auch für die Häftlinge des Konzentrationslagers Groß Rosen, die spätere Quelle von Arbeitskräften. Zeitweilig sollen hier bis zu 28 000 Menschen gearbeitet haben.

Ins Gebirge rollten Transporte mit Menschen, Bergbau- und Baumaschinen. Auch Gefangene kamen. Das Aushöhlen und Auffahren begann. In das riesige Massiv des Wolfsbergs stieß man von vier Seiten vor: von Wüstewaltersdorf im Osten, von Falkenberg im Süden, von Wüstegiersdorf im Westen und von Hausdorf aus im Osten. Das Labyrinth von Gängen und Hallen sollte wahrscheinlich in mehreren Ebenen entstehen, die man mit einige zehn Meter langen Transportschächten verbinden wollte. Trotz der aufs eingehendste ausgearbeiteten Baupläne war es unmöglich, das festgelegte Bautempo einzuhalten. Die Würdenträger des Dritten Reiches waren ungehalten. Man wechselte mehrmals die Bauleitung, neue Transporte mit Arbeitskräften wurden herangebracht - alles vergebens. Es war unmöglich, den Bau zu vollenden. Im Winter 1945 wurde den Deutschen bewusst, dass sie eine furchtbare Niederlage erleiden würden.

Das allgemeine Organisationschaos gelangte auch in die ruhige Umgebung von Wüstewaltersdorf, für das das Krieggeschehen bisher nur in den Nachrichtenkommuniques und in der Wochenschau präsent gewesen war. Es wurde angeordnet, die Häftlinge zu evakuieren, die Schwachen und Kranken zu liquidieren. Aber jemand, der in der Hierarchie der Anführer Nazideutschlands mit ganz oben stand, versuchte, das allgemeine Chaos in den Griff zu bekommen. Diese Person war sich der Bedeutung und des Nutzens des Objekts für Deutschland bewusst. Daher erteilte sie Order, die Arbeit wieder aufzunehmen und neue Transporte ausgezehrter Häftlinge zum 7 Aushöhlen von Gängen und zum Betonieren der Hallen in den Berg zu schicken. Man wollte alles Wesentliche maskieren, um bei den nahenden russischen Truppen den Eindruck zu erwecken, dass der Bau nicht beendet worden sei und keinen Wert als strategisches Objekt besitze. Am 6. Mai 1945 traf jedoch der Befehl ein, die Arbeiten abzubrechen und die Häftlinge herauszubringen. In den Bergen zog Ruhe ein. Alles endete so plötzlich und leise, wie es begonnen hatte.

Am 8. Mai rückten die Russen in Wüstewaltersdorf und anderen Ortschaften des Eulengebirges ein. Das, was sie erblickten, versetzte sie in Staunen. Sie waren auf mehr als 10 größere und kleinere Gefangenenlager gestoßen, auf zig Stollen, die in den Berg hinein führten, wo das Innere zu Labyrinthen mit Hallen ausgebaut worden war. Letztere waren so groß, dass darin Häuser Platz gehabt hätten. In den Wäldern standen Betonbaracken und merkwürdige Baukonstruktionen, ebenfalls aus Beton. Alles leer ... Sicher faszinierte sie dieses riesige Bauvorhaben, von dem sie gehört hatten, es sei zu Hitlers Hauptquartier bestimmt gewesen, oder dass hier Industriebetriebe verborgen werden sollten, deren Produktion für die kämpfenden Truppen der Wehrmacht bestimmt war. Können wir bei der Besichtigung des unterirdischen Komplexes Dorfbach, seiner Rätsel, seiner Hallen mit ungeklärter Bestimmung und seiner seltsamen Kammern die Frage beantworten, zu welchem Zweck sie gebaut wurden? Wie bitter und tragisch klingt heute die Frage: Mussten für dieses wahnwitzige Vorhaben von 1943 mehrere Tausend Menschen ihr Leben lassen? ... (1)<<

 

Was passierte mit den vielen Tausend Häftlingen am Ende des Krieges? Wurde sie vor den Sprengungen in die Stollen getrieben, wie Gerüchte besagen? Oder noch abtransportiert? - Im Buch "Die Flucht" (2) ist folgender Bericht des Pfarrers E. Horn aus der Gemeinde Wüstegiersdorf nachzulesen:

>>In der näheren Umgebung befanden sich mehrere Lager für Juden. Von diesen wurden etwa
10 000 von den SS-Bewachungsmannschaften umgebracht. Der Rest wurde erst Anfang oder Mitte April in Marsch in Richtung gesetzt, setzt, einige blieben am Ort und kamen durch die Russen frei.

Außerdem befanden sich hier bei uns gefangene Polen, Italiener, Franzosen, Engländer. Die Polen und die Italiener wurden von den deutschen Wachmannschaften (zivile SS) scheußlich behandelt. Bevor die Juden im Sommer 1943 kamen, waren große Lager mit Ukrainern zum Dienst unter der O.T. da. In Massengräbern sie wurden in den Wäldern verscharrt, wer von ihnen verhungerte oder, wenn erschöpft und nicht mehr arbeitsfähig, erschlagen worden war. Im Sommer 1943 brach Typhus unter ihnen aus. Die Zivilbevölkerung wurde geimpft, der Rest der Ukrainer nicht, dafür aber mit unbekanntem Ziel abgeschoben... <<(3)

 

Dass die genannten Zahlen etwas zu hoch gegriffen sind, beweisen Auflistungen der Gedenkstätte des KZ-Rosen. Der Bevölkerung ist aber die hohe Anzahl der Häftlinge im Gedächtnis geblieben und menschenunwürdige Behandlung durch die SS-Wachmannschaften.

 

Auf den Webseiten des KZ-Rosen ist dazu nachzulesen:

>>Angesicht der näher rückenden Front wurden die Bauarbeiten für Projekt Riese wahrscheinlich im Januar 1945 eingestellt, aber man kann nicht ausschließen, dass die Arbeiten in manchen Orten bis Ende April weitergeführt wurden.
Aus den meisten Lagern wurden die erkrankten Gefangenen in die zentralen Krankenlager in Dörnhau und Tannhausen verlegt. Die marschfähigen Häftlinge der Lager in Falkenberg, Fürstenstein, Lärche, Märzbachtal, Wolfsberg, und Wüstegiersdorf wurden im Februar (16 II Wolfsberg) nach Bergen-Belsen, Flossenbürg und Mauthausen evakuiert. Die verbliebenen Häftlinge wurde im Mai 1945 von der einrückenden russischen Armee befreit.<<

 

Wie die Einwohner von Wüstewaltersdorf die Häftlinge und Gefangenen erlebte ist in einem gesonderten Kapitel nachzulesen.

 

Quelle: (1) aus www.polen-info.de, gelesen 2004 (Website nicht mehr online)

(2)"Die Flucht - Niederschlesien1945", Aufstieg-Verlag, München, 3. Aufl. 1977, ISBN 3-7612-0116-8

(3) Der Bericht befindet sich unter den Dokumenten des Bundesarchives in Koblenz, OD 1/22 18/46 223pg.

Bilder aus dem Buch " Die Führerhauptquartiere - Anlagen und Planungen im Zweiten Weltkrieg", Franz W. Seidler und Dieter Zeigert , München, Herbig Verlagsbuchhandlung, 3. Aufl. 2001